Fluchtgründe

30. Oktober 2013

Kleingeld aus Bulgarien

Bulgarisches Kleingeld

Duisburg ist wie Dortmund und andere deutsche Großstädte ein beliebtes Ziel von Armutsflüchtlingen aus Südosteuropa. Das weiß inzwischen jeder, alle Medien berichten seit geraumer Zeit regelmäßig darüber.

Der Begriff „Armutsflüchtling“ sagt schon aus warum die Menschen kommen; in den EU-Mitgliedsländern Rumänien und Bulgarien herrscht bittere Armut und Arbeitslosigkeit in Verbindung mit Diskriminierung von Minderheiten. Eigentlich ist es ja ein Skandal, dass in der angeblichen europäischen „Wertegemeinschaft“ solche Staaten mit menschenunwürdigen Zuständen Mitglied sein dürfen. Aber was nützt das jetzt? Die europäischen Regierungen haben schon 2004 entschieden Rumänien und Bulgarien als neue Mitglieder aufzunehmen, und auch die damalige rot-grüne Bundesregierung unter Kanzler Schröder mit seinem grünen Außenminister Joschka Fischer hat dem damals zugestimmt. Soviel zur politischen Vernunft unserer „Spitzenpolitiker“.

Am letztem Sonntag habe ich mich mit Mitgliedern des „Deutsch-Bulgarischen Vereins für Jugend- und Sozialarbeit e.V.“ unterhalten, und neben allen Klagen über die derzeitge Situation mit fehlenden Sprachkursen und der Anerkennung der Berufsabschlüsse sowie natürlich dem Mangel an Geld um die Familie versorgen zu können haben alle deutlich gemacht, dass sie gerne einen Arbeitsplatz haben wollen. In ihrer Heimat sieht es mit Arbeit schlecht aus, selbst wenn sie eine fänden wäre die aber auch miserabel bezahlt, in Bulgarien liegt der Mindestlohn laut europäischer Statistikbehörde bei 0.95 EURO die Stunde und 158 EURO im Monat. Das reicht kaum zum Leben, also ein guter Grund für die Menschen die Freizügigkeit für EU-Bürger auf dem Arbeitsmarkt zu nutzen um in anderen Ländern Europas bessere Arbeitsmöglichkeiten zu suchen. Das ist übrigens auch nichts Neues, auf den Baustellen dieser Republik arbeiten schon lange Bauarbeiter aus Spanien, Portugal, Irland, England, Polen, Slowenien und anderen europäischen Ländern. Was nur jetzt anders ist ist der Umstand, dass viele der neuen EU-Bürger wenig Chancen auf einen Job haben.

Laut Angaben der Agentur für Arbeit in Duisburg vom September diesen Jahres leben 8363 EU-Bürger aus Rumänien und Bulgarien in unserer Stadt, die ab 1. Januar 2014 volle Arbeitnehmerfreizügigkeit haben werden. Was logischerweise auch bei vielen der südosteuropäischen EU-Bürger Ansprüche auf „HARTZ IV“ und Wohngeld zur Folge haben wird. Laut Arbeitsagentur haben ca. 90% der rumänischen und bulgarischen Neu-Duisburger keine nennenswerten beruflichen Qualifikationen vorzuweisen.

Das ist das wahre Problem der Zuwanderung aus Südosteuropa; unser Sozialstaat wird nicht wenige dieser Neu-Bürger und ihre Familien versorgen müssen. Das wird nicht billig werden und stellt die Sinnhaftigkeit der Sozialausgaben in Frage wenn sie nur die Menschen versorgt aber nicht dazu befähigen kann auf eigenen Beinen zu stehen. Deswegen neige ich selbst inzwischen dazu die Mittel für Bildungsmaßnahmen, Ersatzarbeitsplätze, Sprachkurse und andere Maßnahmen zur beruflichen Qualifikation zu erhöhen. Damit die Neu-Zuwanderer nicht abhängig von Sozialtransfers sind sondern beruflich weiterkommen. Das würde die Vorbehalte in der einheimischen Bevölkerung gegenüber den Neu-Duisburgern aus Bulgarien und Rumänien vielleicht etwas abmildern wenn ein bulgarischer Metzgermeister dank Sprachkurs Arbeit findet und nicht von „HARTZ IV“ leben muss.

Leider scheinen weder Stadt noch Arbeitsagentur noch Jobcenter die Herausforderungen wirklich Ernst zu nehmen. Alle Maßnahmen, die in offiziellen Schreiben der Behörden beschrieben werden scheinen weniger als bescheiden zu sein. Da werden Maßnahmen für einige Gruppen wie über 50 Jährige durchgeführt oder irgendwelche Schnupperkurse bei der städtischen Beschäftigungsgesellschaft für ein paar Dutzend Betroffene. Aber flächendeckend günstige Sprachkurse oder Hilfen für Zuwanderer mit Berufsqualifikationen scheint es keine zu geben. Dabei hätten die am ehesten die Chance einen Job zu finden. Ich war am Sonntag auch ziemlich ernüchtert als ich erfuhr, dass trotz aller großspurigen Ankündigungen von Stadtspitze und Landesregierung kaum was getan wird um wenigstens denjenigen zu helfen, die Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben wenn sie nur Deutsch lernen könnten. Aber weder die Stadt noch ihre Entwicklungsgesellschaft tun da was obwohl Deutsch-Kurse mit Sicherheit kostengünstiger sind als eine spätere Versorgung durch „HARTZ IV“. Der bulgarische Metzger mit Berufserfahrung könnte zum Beispiel mit wenig Aufwand fit gemacht werden und bräuchte später keine sozialen Hilfsleistungen in Anspruch zu nehmen wenn die hiesige Politik nur etwas vernünftiger wäre. Aber mit Vernunft sollte bei der vorherrschenden Politik wohl besser nicht gerechnet werden.

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5 Antworten to “Fluchtgründe”

  1. denkweb Says:

    Ich freue mich schon darauf, dass ich für diese Armutsflüchtlinge arbeiten darf. Es wird für mich immer deutlicher, dass in der EU etwas falsch läuft. Bulgaren und Rumänen strömen nicht in andere europäische Länder, sie wollen nach Deutschland, weil es hier sehr einfach ist ohne Arbeit, ohne Sprachkenntnisse, ohne Qualifikationen an Geld zu kommen. Deutschland wird zum Sozialamt Europas. Nette Aussichten. Ich will hier gar nicht schreiben, was ich nach 50 Jahren ununterbrochene Arbeit an Rente bekommen werde.

  2. rai30 Says:

    Der Eindruck dass Rumänen und Bulgaren nur nach Deutschland „strömen“ stimmt nicht. Frankreich, Großbritannien und andere Länder haben auch Zuzug aus Südosteuropa. Der Hinweis auf die Rente ist vielleicht ganz anders zu bewerten wenn man bedenkt, dass es gelingen könnte viele der Zuwanderer und ihre Kinder in den Arbeitsmarkt zu integrieren wenn berufliche Qualifikationen vermittelt werden. Übrigens kommen nicht nur ungelernte Hilfskräfte nach Deutschland sondern auch Akademiker, die Geld verdienen können und natürlich auch in die Sozialsysteme einzahlen.

    Zu guter letzt hat das Rentensystem ganz andere Probleme, nämlich die Überalterung der Bevölkerung und damit einen Anstieg der Rentenempfänger in den nächsten Jahren.

    Ich bin aber auch der Meinung, dass Renten nur an Leute ausgezahlt werden sollten, die selbst ordentlich eingezahlt haben. Das ist eine Frage der Gerechtigkeit gegenüber den Beitragszahlern. Das muss dann politisch entschieden werden, dass die Rentenkasse nicht für Sozialausgleich und Armenversorgung genutzt werden darf wie es wohl SPD/Linke und Grüne gerne täten.

    • denkweb Says:

      Man kann sich natürlich alle schön denken, rechnen und reden. Fakt ist, dass 98 % der Menschen aus Rumänien und Bulgarien keine beruflichen Qualifikationen besitzen.

      „Die Dortmunder Sozialdezernentin Birgit Zoerner sieht für die Zuwanderer auf dem Arbeitsmarkt kaum eine Chance, weil vielen eine berufliche Qualifikation fehle und die Analphabeten-Quote sehr hoch sei. Wie wollen Sie diese Menschen integrieren?“ (Quelle: dtj)

      Selbst wenn es Fachkräfte wären, die es nach Deutschland zieht, fehlen dennoch die entsprechenden Arbeitsplätze. Zwar beklagt die deutsche Wirtschaft immer wieder den Fachkräftemangel, bildet aber immer weniger aus. Wer jetzt glaubt, diesen Mangel mit Rumänen und Bulgaren abzudecken, der irrt, wie die bisherigen Erfahrungen mehr wie deutlich zeigen.

      Neben allen westeuropäischen Ländern, ist Deutschland wohl das attraktivste Land für die „Armutsflüchtlinge“. Nirgendwo ist es leichter, an Sozialleistungen zu kommen.

      • rai30 Says:

        Gerade deshalb muss die Qualifikation der Leute vorangetrieben werden. Und wenn es nur einige der Betroffenen sind wir können nicht die Hände in den Schoß legen und hoffen, dass die Zuwanderer wieder gehen. Das wird nicht passieren, also sollten alle Möglichkeiten genutzt werden um Kinder, Jugendliche und die Zuwanderer, die Qualifikationen mitbringen in unsere Gesellschaft zu integrieren. Natürlich denke ich auch, dass wir unseren Sozialstaat überdenken müssen. Es kann nicht mehr auf Dauer gut gehen wenn wir jedem, der nach Deutschland kommt sofort die Möglichkeit einräumen Sozialleistungen zu beziehen. Das ist politisch brisant aber auch logisch klar.

      • denkweb Says:

        Brisant und logisch klar. Soweit ist das wohl richtig. Schon jetzt zeigt sich, dass die Politik völlig überfordert ist. Es kann nur eine gesamteuropäische Lösung geben. Gefördert werden muss in den Heimatländern. Leider ist es aber so, dass das soziale Netz auch Menschen anlockt, von denen Deutschland überhaupt nicht profitiert. Nicht Integration in den Sozialstaat kann die Lösung sein, sondern Investitionen in Wirtschaft und Bildung in den Heimatländern ist geboten. Aber Deutschland kann das nicht alleine stemmen, weder Intregration noch Investition.


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