Gegen das Vergessen

10. November 2012

Namen

Die Namen sollen nicht vergessen werden

Der 9. November ist ein besonderes Datum in der deutschen Geschichte: die Ausrufung der ersten deutschen Republik, der Fall der Berliner Mauer und die Reichsprogromnacht 1938, in der erstmals planmäßig der deutsche Staat eine Bevölkerungsgruppe mit brutaler Gewalt verfolgte. Die Nazis waren an der Macht und schafften es die Bevölkerungsmehrheit gegen die deutschen Juden aufzuhetzen, die Synagogen brannten, Menschen wurden auf offener Straße vom aufgehetzten Mob ermordet, alles auf staatlichem Befehl hin. An diese dunkle Zeit wurde gestern erinnert. In dieser Zeit wurden auch in Duisburg Menschen von Staats wegen verfolgt und ermordet, auch Kinder.

Die Namen von Kindern

Die Namen von Kindern

Vom Duisburger Hauptbahnhof aus fanden auch Transporte in die Vernichtungslager der Nazis statt, und auch Kinder wurden von dort in den sicheren Tod geschickt. Für sie wurde nun am Freitag, den 09. November 2012 auf dem Harry Epstein Platz ein Mahnmal der Öffentlicheit übergeben.

Mahnmal am Harry Epstein Platz in Duisburg

Mahnmal am Harry Epstein Platz in Duisburg

Die kleine Zeremonie mit Musik und den Reden von Oberbürgermeister, Vertreter des Jugendrings, Dieter Kroll von ThyssenKrupp Steel und Armin Schneider vom Bündnis für Toleranz und Zivilcourage war würdig. Wobei besonders der Auftritt des kleinen Künstlers Levin Losemann viele besonders bewegte und spontanen ehrlichen Beifall auslöste. Da war es dann auch nicht mehr so tragisch, dass die Veranstaltung mit halbstündiger Verspätung begann weil sich der Oberbürgermeister verspätete, er entschuldigte sich mit dem Hinweis, dass das Kurartorium des Lehmbruck-Museums noch kurz zuvor wichtige Entscheidungen zu treffen gehabt hätte und er deswegen nicht früher hätte aufbrechen können.

Ein bewegender Künstler

Ein bewegender Künstler

Auf der Veranstaltung traf ich auch Herrn Rubinstein von der jüdischen Gemeinde, der etwas konsterniert darüber war, dass seine Gemeinde erst in letzter Minute zur Veranstaltung eingeladen war. Das ist natürlich ein ziemlich dämliches Fehlverhalten des OB-Büros ausgerechnet die jüdische Gemeinde ganz kurzfristig zu einer Veranstaltung anlässlich des Gedenkens an den 9. November 1938 und der Verschleppung jüdischer Kinder durch die Nazis einzuladen. Fingerspitzengefühl ist offensichtlich nicht die Stärke der neuen Stadtspitze.

Gedenken an ermordete Kinder aus Duisburg

Gedenken an ermordete Kinder aus Duisburg

Davon abgesehen war die Veranstaltung aber trotzdem ein Erfolg und das Mahnmal sowie seine Gestaltung fand viel Zuspruch. Der Künstler Gerhard Losemann und die Auszubildenden von ThyssenKrupp Steel haben hervorragende Arbeit geleistet, das Mahnmal ist vielschichtig in seiner Gestaltung und lädt zum Verweilen wie Nachdenken ein. Hoffentlich bleibt es von Schmierereien und Vandalismus verschont.

Das Mahnmal für die von 1938 bis 1945 verschleppten und ermordeten jüdischen Kinder aus Duisburg

Das Mahnmal für die von 1938 bis 1945 verschleppten und ermordeten jüdischen Kinder aus Duisburg

Nur wenige Meter weiter am Hauptbahnhof sieht man regelmäßig junge Leute mit Springerstiefeln und schwarzer Kleidung auf denen dämliche Sprüche in Frakturschrift stehen, die auf rechtsradikales Gedankengut hindeuten. Die braune Gefahr ist auch im Jahr 2012, 70 Jahre nach dem Massenmord an den europäischen Juden und anderen Bevölkerungsgruppen durch die Nazis, immer noch sehr real.

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Nun steht es wohl fest, dass NPD und „ProNRW“ den Landtagswahlkampf mit einer antiislamischen Angstkampagne befeuern wollen!

„ProNRW“ verkündet, dass es in vielen Städten Demos und Sternmärsche gegen Moscheen und islamische Einrichtungen veranstalten will. Oberhausen, Mühlheim, Herten, Essen, Gelsenkirchen und Duisburg werden also mit Ärger rechnen müssen. Zumal sich nun auch die Neonazis von der NPD an die miese Kampagne dranhängen und ebenfalls vor der Marxloher Moschee auflaufen wollen.

Diese Provokationen sollen wohl die Muslime verärgern und die Ängste und Vorurteile über den Islam für den Landtagswahlkampf nutzbar machen. Ich fürchte nur, dass es zu schweren Krawallen oder tätlichen Auseinandersetzungen kommen könnte wenn antiislamische Parolen ausgerechnet vor einer Moschee skandiert werden, und ich habe auch den Verdacht, dass die braunen Rattenfänger, dass auch wollen um so noch mehr Konflikte zwischen den Menschen schüren zu können und jedes friedliche Zusammenleben unmöglich zu machen.

Ich werde mich auch mit Freunden und Bekannten beraten wie wir mit dieser Situation umgehen müssen und Gegenaktionen planen. Als Muslim und Deutscher finde ich es erschreckend wie die extreme Rechte versucht die Menschen in diesem Land aufzuhetzen und eine religiöse Minderheit zu stigmatisieren. Die ganze sogenannte „Islamkritik“ wird nun ganz deutlich als bloßes Feigenblatt für rassistische Vorurteile und Umtriebe erkennbar.

Auf den Plakaten von „ProNRW“ sieht man dann auch schwarze Gestalten, gesichtslos und bedrohlich, flankiert von schwarzen Raketen, die wohl nicht zufällig Minaretten ähnlich sehen. Der ganze Mumpitz läuft dann unter dem Slogan „Abendland in Christenhand“. Die halb gebildeten Christenmenschen von „ProNRW“ wissen natürlich nicht, dass die abendländische Kultur auch von Juden und Muslimen mitaufgebaut wurde. Diese wahlkämpfenden Möchtegern-Kreuzritter haben eben ein sehr selektives und simples Weltbild!

Ich hoffe nur, dass sich die Bürger, gleich welcher Nationalität oder Religionszugehörigkeit, trotz aller alltäglichen Probleme vor Ort nicht verrückt machen lassen und den Nazis und Rechtspopulisten die kalte Schulter zeigen.

Grüß Gott!

2. Januar 2010

Ich habe einen alten türkischen Bekannten, der mich gerne mit „Grüß Gott!“ empfängt. Ich antworte dann manchmal mit „Grüß du ihn!“.
Aber im Ernst habe ich erfahren, dass irgendwelche dümmlichen Islamhasser (PI und Konsorten) im Netz die Falschmeldung verbreiten, dass an manchen Schulen das „Grüß Gott“ verboten worden sei!

Im Blog von Fareus steht dazu auch ein interessanter Artikel (http://fareus.wordpress.com/2010/01/02/von-den-pipifanten-lernen%e2%80%a6/) !

Ich für meinen Teil kann nur über solchen dümmlichen Behauptungen den Kopf schütteln. Als Muslim und Deutscher bin ich in einer Gegend aufgewachsen, in der seit über vierzig Jahren Menschen mit evangelischer, katholischer und islamischer Religionszugehörigkeit Tür an Tür leben und gute Nachbarschaft pflegen. Türkische Kinder freuen sich auch wenn der Nikolaus kommt und die drei Kirchen in der näheren Umgebung läuten selbstverständlich auch regelmäßig die Glocken!

Ich habe noch nie von meinen zahlreichen türkischen Freunden und Verwandten gehört, dass sie sich daran stören würden wenn christliche Symbolik und Brauchtum den öffentlichen Raum dominieren. Trotzdem bauen sogenannte „Islamkritiker“ einen regelrechten Popanz auf um zu behaupten Muslime wollten angeblich die „christliche Identität“ Europas zerstören. Die traurige Wahrheit ist wohl eher, dass gewisse Leute nicht bereit sind Minderheitenrechte zu akzeptieren und zu begreifen, dass unser Grundgesetz allen Religionsgemeinschaften freie Betätigung garantiert!

Um gewissen Missverständnissen vorzubeugen: ich habe keinerlei Sympathie für islamistische Organisationen, die die Religion missbrauchen um gegen Andersgläubige zu hetzen und politische Ideologien unter religiösem Deckmantel zu verbreiten. Ich wundere mich aber immer auch welche Bedeutung solchen Organisationen zuteil wird, die nur eine Minderheit unter den Muslimen ansprechen während die allermeisten Muslime sich in dieser Gesellschaft eingliedern wollen und die Vorteile einer freien westlichen Gesellschaft zu schätzen wissen und sich kein böses Wort über Andersgläubige erlauben.

Vielleicht aber können es manche Leute nicht akzeptieren, dass die Anzahl der christlichen Gläubigen abnimmt und Kirchen wegen Geldmangel geschlossen werden! Ich finde das übrigens schade, aber dafür müssen die Kirchen sich selbst fragen warum sie viele Menschen nicht mehr erreichen können und der Glaube bei vielen Christen an Bedeutung verliert! Unverschämt finde ich es nur wenn dann Muslime für solche Entwicklungen verantwortlich gemacht werden!

Zum Glück bestehen seit Jahren gute Beziehungen zwischen Kirchen- und Moscheegemeinden in Duisburg, und trotz aller anderlautender Behauptungen klappt auch das Zusammenleben ganz gut. Das wird hoffentlich auch 2010 so bleiben!

Heute hat das Opferfest begonnen, und die Verwandten aus der Türkei rufen an um ihre Grüße und Segnungswünsche zu übermitteln.

Nach dem Zuckerfest ist das Opferfest der wichtigste religiöse Höhepunkt im Islam. Der theologische Hintergrund für diese drei Feiertage im Islam lässt sich übrigens sogar in der Bibel finden! Die Stelle im alten Testament in der Abraham seinen eigenen Sohn opfern soll und dann doch in letzter Sekunde auf göttlichen Befehl hin ein Opfertier an seiner Stelle darbringt ist für Juden, Christen und Muslime wichtig!

Jedenfalls bedeuten diese Tage auch Verwandten- und Nachbarschaftsbesuche. Und an ärmere Familien wird ein Teil des Fleisches der Opfertiere verschenkt. Letztes Jahr brachte der Nachbar sogar uns ein Kilo vorbei. Und so arm bin ich zum Glück (noch?) nicht!

Bis Sonntag ist jetzt jedenfalls Feststimmung angesagt, nur der Kindergarten meines Sohnes will am Montag das Opferfest feiern wenn schon alles vorbei ist. Offensichtlich kennen die sich nicht aus. Einer der Erzieher will sich jetzt immerhin einen Kalender besorgen wo alle wichtigen Feiertage verzeichnet sind!

Alle Welt gedachte gestern des Mauerfalls vor 20 Jahren in Berlin! Aber da war auch noch was anderes am 09. November: 1938 brannten in diesem Lande Synagogen und wurden Menschen ermordet weil sie jüdischen Glaubens waren.

Im Duisburger Rathaus gab es gestern abend aus diesem Anlass eine Gedenkveranstaltung, die auch sehr gut besucht war! Der Ratssaal war proppevoll, und selbst die Zuschauertribünen waren voll. Ein städtischer Mitarbeiter meinte ganz überrascht, dass das nicht erwartet worden war da doch heute alle den zwanzigsten Jahrestages des Mauerfalls feiern würden!

Wenn man mal von dem üblichen Gedenkritualen mit Reden und Vorlesungen von Schülern absieht war die Veranstaltung im Duisburger Rathaus sehr gelungen weil ein Publizist mit Namen Günther G. Ginzel in seiner Rede sehr interessante und nachdenkenswerte Aspekte zur Sprache brachte. Nicht nur, dass er vor einer erstarrten und zu ritualisierten Gedenkkultur warnte, er fragte auch warum das Gedenken an den Widerstand gegen die Naziherrschaft zu sehr den militärischen Widerstand um Stauffenberg und andere hohe Militärs der Wehrmacht glorifiziert und die wenigen einfachen Widerstandskämpfer wie einen Georg Elser völlig vernachlässigt. Als die Wehrmachtsoffiziere des 20. Juli 1944 ihren Anschlag auf Hitler wagten waren seine Familienmitglieder schon ermordet wie der jüdische Publizist Ginzel feststellte! Die Wehrmachtsoffiziere hätten für Hitler ein Weltreich erobert wenn es gut gegangen wäre! Erst als sich die Niederlage abzeichnete trauten sie sich zum Widerstand!

Deswegen appelierte er auch eindringlich an alle aktiv zu werden gegen Verfolgung und Diskriminierung! Er erinnerte ebenso daran, dass auch die Vertreter jüdischer Gemeinden sich in Köln für den Bau der Moschee stark gemacht haben weil sie auch die Rechte der Muslime auf einen würdigen Ort für ihre Glaubensausübung respektieren.

Ich muss sagen, dass mir die Rede von Herrn Ginzel imponierte weil er sich auch den üblichen Frontstellungen verweigerte  und zu einem Bekenntnis zu humanistischen Werten und einem respektvollen Zusammenleben unterschiedlicher Bevölkerungsgruppen aufrief! In Zeiten der medialen Kultur- und Religionskriege waren das guttuende und zugleich aufklärerische Worte!

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